Nervig!

 

Patrick J. Lynch

Manche Dinge braucht kein Mensch. Hirnnerven zum Beispiel. Also, zwecks Reizweiterleitung schon – da können sie sicher gar nicht schaden und an dieser Stelle würde ich sie sogar ein bisschen vermissen, schätze ich. Aber nicht in meinen Unterlagen. Kein Mensch sollte die zwölf Hirnnerven lernen müssen. Oder sämtliche Aortenabgänge. Oder neunzig Medikamente mit Dosierung, Indikation, Kontraindikation und Wechselwirkung. Gibt es da nicht irgendein Gesetz gegen? Ein ganz kleines würde mir reichen.. Zumal dann nicht, wenn in der echten Welt da draußen Sonntag ist und die Sonne zu diesem Anlass einen traumhaft schönen Herbsttag serviert. Im Herbiversum ist heute Lerntag. Also, noch ein Lerntag! Der liebe Gott hat gut reden, mit “am siebten Tage sollst Du ruhen” und so. Der hatte ja auch nicht zehn – ah!!, es sind nur noch acht! – Tage später ein Staatsexamen zu bestreiten. Da redet es sich leicht. So. Nervus olfactorius, nervus vagus, nervus glosso-pharyngeus, nervus opticus, nervus oculomotoris, nervus trochlearis, nervus abducens…

Tot durch Käpt’n Iglo, aber nur vielleicht.

Eine kurze Mitteilung, vielleicht meine letzte.

Als positiv eingestellter Mensch (das Wasserglas ist halb voll und so), habe ich mich DAFÜR entschieden, die Fischstäbchen aus dem Tiefkühler unseres Wochenendhauses zu essen, obwohl sie seit Februar 2010 abgelaufen sind. Reine Abwägungssache.

Kontra: Haltbarkeitsdatum auf der Packung, deutlich lesbar abgelaufen.

Pro: Sie waren tiefgekühlt und das mit den Mindesthaltbarkeitsdaten kennt man ja.

Kontra: Es ist Fisch. Und: Ich musste ihn von Eis befreien.

Pro: Das ging eigentlich ganz gut.

Kontra: Das nächste Krankenhaus ist.. – ich habe echt keine Ahnung – aber bestimmt 20 Kilometer weit weg. Und hier findet mich keiner.

Pro: Ich bin im Rettungsdienst tätig, kann mir also selber helfen.

Kontra: Ich weiß nur leider gerade nicht, was man bei Fischvergiftung eigentlich so macht. Blöd. Wenn ich mir einen Arm abhacken würde, wüsste ich Bescheid. Beim Herzinfarkt ebenfalls. Ich könnte mich mit Alkohol, Kohlenmonoxyd, Kohlendioxyd, diversen Putzmitteln oder Opiaten vergiften und anschließend halbwegs wieder herstellen. Aber gammeliger Fisch? Pfft – lebe ich am Meer, oder was!

Pro: Der Fisch sieht eigentlich noch ganz gut aus. Nicht grün, oder so.

Es steht also jetzt vier zu vier – ich bin unschlüssig, verunsichert und vielleicht morgen tot.

Also hauen wir noch zwei raus:

Pro: Ich habe Hunger und gerade große Lust auf Fischstäbchen. Und die Mottenraupe aus dem mexikanischen Mescal habe ich schließlich auch überlebt.

und (jetzt gebe ich dem Kontra den Rest):

Pro: Ich bin ein positiv eingestellter Mensch (siehe oben).

Sechs zu vier, klare Entscheidung. Sollte ich morgen tot sein, habe ich wohl ein Argument auf der Kontra-Seite übersehen.

Ich lasse die Fischstäbchen trotzdem ein bisschen länger im Ofen. Nur so zur Sicherheit.

Kann mich morgen jemand anrufen, bitte? *)

______________

*) Mobil, nicht Festnetz. Sollte ich nicht rangehen, vergewissert Euch bitte erst persönlich, dass ich auch wirklich tot oder auf bestem Weg dahin bin, bevor ihr mir Polizei oder Rettungsdienst auf den Hals hetzt. Seien wir mal ehrlich: Ich bin ziemlich zäh. Wahrscheinlich überlebe ich.

Tag 14

This was maybe the abgefahrenste Sache, i have ever done. Und das Ganze auch noch ohne Taschenlampe. Meine Herren, ich sage es Ihnen. Aber lassen Sie uns dem Ereignis die Einleitung zukommen lassen, die es sich – und wir uns – verdient hat. (Und haben.)

Wir sind ja nun schon eine Weile hier auf der Insel. Und es nähert sich unaufhaltsam der Tag, an dem wir vier den Flieger in Richtung Heimat besteigen werden. Entsprechend war heute unser letzter Tauchgang. Es geht mit dem roten Nussschalen-Schlauchboot – oh, es ist also repariert – die Küste entlang. Zwanzig Minuten vom Playa Paraiso in Richtung Los Gigantes. Zum Abschluss noch mal was Besonderes erleben. Das Boot schnellt über die Wellen und während ich in Gedanken auf der Fahrt die James Bond Titel-Melodie pfeife (Sie wissen schon, dieses Harpunen-Geheimagenten-Ding vom Tag 05), läuft Carlos von sonnengebräunt zu weiß und dann zu gräulich-grün an. Toll, ich kenne ein menschliches Chamäleon.

Marco, unser Tauchlehrer, hatte im Vorfeld Unterwasserlampen verteilt. An sämtliche lampenlosen Teilnehmer, nur nicht an mich. Behauptet, er hätte keine mehr. Ich glaube ihm kein Wort. Ich glaube nämlich, dass Marco mich nicht besonders gut leiden kann, nur weil ich ihm zu Beginn unseres Kurses mal vor versammelter Mannschaft gesagt habe, dass er mich ruhig ansprechen kann, falls er Fragen zum Tauchen hat. Ich hätte immerhin schon elf Tauchgänge auf meinem Konto und er säße ja als Geschäftsführer der Tauchbasis ziemlich viel im Büro und so. Die versammelte Mannschaft fand das ganz witzig, aber ich bekomme seitdem keine Lampen mehr. Und er steckt mich in zu kleine Taucheranzüge, was mich lustig aussehen lässt. Ich trage sie mit Fassung. Gefragt hat er mich auch noch nie etwas – zumindest nicht zum Thema Tauchen. Ich finde das ja etwas kindisch, zudem ich mich seitdem wirklich zusammen gerissen und ihm fast gar keine Sprüche mehr gedrückt habe. Aber zurück zum Thema.

Wir ankern das Boot unterhalb einer Bananenplantage und gehen ins Wasser. Hätte ich gewußt, was auf uns zu kommt, ich hätte mir spätestens jetzt in meinen Taucheranzug gepinkelt. So aber fühlte ich mich stark und unbesiegbar. Oh, keine Sorge – das wird sich im Verlaufe der Geschichte noch ändern.

Ohne viel drum-herum-getauche, geht es direkt zu einer unter Wasser befindlichen Höhle – mit einem Eingang, so groß, dass man darin einen australischen Sattelschlepper verschwinden lassen könnte. Zudem Lichtdurchflutet und hell erleuchtet. Wer braucht schon so ne blöde Taschenlampe. Ich fühle mich noch immer stark und unbesiegbar, aber das sagte ich ja schon.

Dann stellt sich aber heraus, dass die Höhle doch recht tief in den Berg hinein geht. Beleuchtet ist sie vom Eingang her noch immer ganz ordentlich, aber vorsichtshalber gucke ich mich kurz nach meinem Tauchbuddy Christoph um, denn der hat ja eine von den seltenen Tauchlampen bekommen und blendet damit gerade eine arme Hummerkrabbe. Hoffentlich wird sie davon nicht blind, keine Ahnung, ob Krabben Blindenhunde halten dürfen. Aber Christoph ist mein Tauchbuddy, ein echter Freund und zudem ein guter Kerl. Ich bin froh, dass Christoph dabei ist. Ein Fels in der Brandung, nicht nur hier in der Tiefe. Die Beleuchtung macht ihn um so attraktiver.

Inzwischen ist die Höhle so schmal geworden, dass man statt des Sattelschleppers höchstens noch einen Smart in den Gang kriegen würde. Und der bräuchte anschließend ziemlich sicher eine neue Lackierung.

Zu tauchen bedeutet auch, ohne Kraftaufwand im Wasser zu schweben. Das mit dem Schweben im Wasser ist eine tolle Sache – wenn man Platz hat. Wenn man sich hier unten in der Höhle verschwebt, hängt man entweder blöd zappelnd unter der Zimmerdecke (was einen ausgesprochen ungeschickten Eindruck erweckt) oder liegt bei der Hummerkrabbe auf dem Fußboden, wird von Christoph mit der Lampe geblendet und zudem noch ziemlich sicher von einem der zahlreichen Seeigel in den Bauch gepikst. Auch nicht besonders erstrebenswert. Zum ersten Mal kommt mir in den Sinn, dass elf Tauchgänge vielleicht doch gar nicht so viele sind.

Die Höhle nimmt kein Ende. Inzwischen ist es so dunkel, dass man ohne Christophs Funzel die Hand nicht mehr vor Augen sehen würde. Was den Bruchteil einer Sekunde später dann auch der Fall ist – an dieser Stelle unserer kleinen Geschichte sind nämlich die Batterien von Christophs Lampe alle. Toll. Jetzt  habe ich nicht mal mehr eine Fremdbeleuchtung. Ich nehme in Gedanken hin, dass mein Tauchbuddy Christoph damit leider für immer verloren ist und sehe mich nach einem neuen, leuchtenden Tauchpartner um. Es ist inzwischen so eng, dass keine zwei Taucher mehr nebeneinander Platz haben. Ich versuche eine leichte, aufkeimende Panik zu unterdrücken, in der inzwischen stockfinsteren Nacht irgendwie zu schweben, während die vor mir tauchende – sonst eigentlich ganz nette – Achtzehnjährige mir ihre Schwimmflossen vor die Tauchermaske dengelt. Das ist mir inzwischen aber auch egal – ich sehe ja eh nichts – wozu braucht man da noch eine Maske. Immerhin hat sie eine Taschenlampe. Wäre diese Höhle über Wasser, an dieser Stelle müsste man kriechen. Ich fühle mich stark eingeengt und überhaupt nicht mehr unbesiegbar. Sollte mich ein Hai fressen wollen, jetzt wäre eine gute Gelegenheit, mich hilflos zu erwischen – obwohl, der käme hier ja gar nicht an mich ran.

Es geht noch enger. Aalgleich presse ich mich durch Felsspalten, mit dem Bauch im Sand, während die Sauerstoff-Flasche fast am Fels über mir kratzt. Links ein halber Meter, rechts ein halber Meter. Ich muss irgendwas abnehmen, entweder die Flasche oder den Bauch. Die Sauerstoffflasche unter Wasser abzunehmen widerspricht irgendwie meinem Überlebensdrang und das mit dem Bauch kriege ich jetzt so spontan auch nicht in den Griff. Wenn mir jetzt was passiert, komme ich hier nie wieder raus. Ich denke an Flucht. Aber was nützt es: Ich bin der vorlaute Junge ohne Lampe. Und ich stecke in einer mit Wasser gefluteten Rohrpoströhre, vor mir ein Taucher, hinter mir ein Taucher. Ich muss mit, egal, was ich davon halte.

Und dann ist da plötzlich vor mir eine Wand. Hä? Da waren doch eben noch andere Taucher, da bin ich mir einigermaßen sicher. Dann über mir ein Lichtschein. Krass. Da geht es einen Kamin hoch. Na, “Kamin” ist jetzt übertrieben. Ein Kamin ginge senkrecht nach oben und wäre damit verhältnismäßig einfach zu betauchen. So einfach machen wir es dem vorlauten Jungen ohne Taschenlampe an dieser Stelle nicht. Stellen Sie sich bitte einen Kamin vor, der in seinem Leben mindestens zwei Hauseinstürze hinter sich gebracht hat. Es geht senkrecht nach oben, dann macht es einen Knick, man muss neunzig Grad nach links – was aber nur geht, wenn man ein Schlangenmensch ist (oder halt der Junge ohne Alternativen) – und dann weiß ich nicht mehr, wie’s weiter ging, denn an dieser Stelle habe ich mich nur noch auf die unterirdische Höhle konzentriert, die ich über mir gesehen habe. Da ist Platz.

Ich schätze, man kann es nicht beschreiben, wenn man nicht dabei gewesen ist. Die gleiche Höhle über Wasser hätte ich höchstens bis zur Eingangshalle betreten. Und hier, mit durch die Tauchermaske eingeschränkter Sicht, einer Stahlflasche auf dem Rücken, Luft aus einem Automaten, der beim Atmen so komische Darth Vader-Geräusche macht und mit sechs Kilo Blei um die Hüfte geschnallt: Total verrückt, wenn Sie mich fragen. Aber auch ein bisschen gewaltig.

Christoph hat – entgegen meiner Prognose und trotz ausgefallener Lampe – den Tauchgang überlebt und einen Teil der Strecke mit der Unterwasserkamera gefilmt. Man sieht nur den Sattelschlepper-Eingangsbereich und die unterirdische Höhle – ich habe nicht übertrieben, der Rest der Strecke wäre zum Filmen einfach zu dunkel gewesen. Aber es vermittelt immerhin einen Eindruck.

Aber sehen Sie doch bitte selbst. Und schauen Sie sich bitte auch den dunkeln Bereich an, denn da tauche ich – noch recht entspannt. Ich bin die Luftblasen, bei Sekunde 14, etwa. In der Höhle werde ich dann von Salzwasser bespuckt, welches durch unterirdische Kanäle in die Höhle gedrückt wird.

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So. Und morgen geht es – zur Abwechslung mal nicht tauchen – sondern durch die berüchtigte Masca-Schlucht. Ich bin sie noch nicht erwandert, soll aber auch beeindruckend sein.

Tag 13

Zwei Stunden braucht’s vom Balkon, den Strand entlang und dann den Hausberg hinauf, bis zur Spitze des Montana Roja – der direkt gegenüber von unserer Bleibe liegt, auf der anderen Seite der Bucht. Für den Aufstieg belohnt, wird man mit einem Blick über den Küstenort El Medano und von oben auf den Flughafen Süd. Lustig, wenn Flugzeuge unter einem starten und landen, fast kann man ihnen auf den Kopf spucken.

Ansonsten gebe ich gerne zu, dass wir heute schlicht gefaulenzt haben. Man kann ja nicht jeden Tag tolle Dinge erleben.

 

(Blick von Balkon auf Berg und zurück, das Wetter war Abends nicht so berühmt – eine Ausnahme.)

 

 

 

Tag 12

Klippenspringen.

Ein Blick nach links: Christoph. Daneben: Thammi. Rechts: Carlos.

Ein weiterer, zögerlicher Schritt nach vorne, näher an den Rand. Unten in der Bucht schlagen die Wellen türkisfarben gegen die Felsen. In Momenten wie diesem funktionieren die Sinne intensiver, der warme Passatwind streicht durch die Haare, um die Nase herum, über die Haut. Den konzentrierten Blick zum Horizont, die Arme leicht vom Körper gespreizt. Einatmen. Die Wortfetzen um einen herum verkommen zu einer breiigen Masse, nur um einen Wimpernschlag später ganz zu verschwinden. Nicht mehr ausatmen. Nervöse Anspannung. Nach vorne lehnen. Noch ein kleines Stück. Dann gibt es kein Zurück mehr. Kräftig abstoßen muss man sich, um von der Felswand weg zu kommen. Darf sich nicht zu weit drehen. Dann fällt man. Das Wasser rast mit atemberaubender Geschwindigkeit auf einen zu. Für Sekunden steht die Zeit still, leere im Kopf. Rasen, Stillstand, Leere – alles gleichzeitig. Gefolgt von einem harten Aufschlag. Ein explosionsartiger Knall, dann wieder Stille.

Luftbläschen und kristallklares Meerwasser fressen die herabfallende Anspannung und ziehen sie  in die Tiefe. Den Körper drehen. Über einem tanzen freundliche Sonnenstrahlen. Ausatmen. Zwei kurze Züge bis zum Auftauchen. Endlich wieder einatmen.

So fühlt es sich an, wenn man von einer Klippe springt. Im Westen der Insel, am Punta de Teno zum Beispiel. Zumindest glaube ich, dass es sich so anfühlt – denn wir haben es natürlich nicht getan. Was denken denn Sie von uns, wir sind doch nicht verrückt!

Wir haben es nur von der Mole geschafft. Fünf Meter, oder so. Eher weniger. Vor mir ist ein achtjähriger Junge gesprungen. Aufregend war es trotzdem ein bisschen. Stadtjungen-Aufregend halt.

Grüße von der Insel. ;)

Tag 11

Christophs Sonnenbrille ist weg. Aus dem klapprigen Mercedes Transporter der Tauchschule gestohlen, als die Herrschaften gerade die Unterwasserwelt am “Leuchtturm” erkundet haben. Ein Atemregler der Tauchschule ist bei dieser Gelegenheit auch abhanden gekommen. Zugegeben, das ist ärgerlich. Aber im Vorfeld wurde auch mehrfach darauf hingewiesen, keine Wertsachen mit an die Tauchspots zu nehmen – sondern statt dessen alles, das nicht mit ins Wasser geht, in der Tauchbasis zu lassen.

Wie die Süddeutsche in ihrer heutigen Ausgabe so schön schreibt, liegt die Jugendarbeitslosigkeit in Spanien bei inzwischen 46 Prozent – und Teneriffa bildet da keine Ausnahme. Natürlich rechtfertigt das keinen Diebstahl. Aber völlig überraschen mag es da wohl auch nicht. Also kurz die Wunden geleckt und zurück zum Tagesgeschäft.


Der Wagen der Tauchschule war übrigens nicht verschlossen – das ist er nie.

Tag 10

Die Jungs sind tauchen, während ich über meinen Büchern brüte. Anatomie der Atemorgane. Das Alveolarepithel ist vom Sufactant überzogen. Das Meer rauscht, wir haben Flut. Diese Substanz setzt die Oberflächenspannung innerhalb der Alveole herab. Ein kleiner Junge hüpft mit seinen Schwimmflügelchen in den Pool. Fällt mir heute schwer, mich auf Alveolen und Co. zu konzentrieren. Ich bin froh, mich zwischendurch mit dem Schreiben der Blogeinträge für Tag 08-10 abzulenken. Aber inzwischen ist es schon viertel vor drei und ich habe noch kaum etwas geschafft. Ich schätze, ich muss mal zurück zu meinen Büchern. Damit Sie es wissen: Die Gesamtfläche aller Lungenbläschen beim Erwachsenen beträgt etwa 80 Quadratmeter - Schätze, der Schwimmflügel-Junge hat etwas weniger. Ist bestimmt trotzdem ein netter Kerl.

 

Tag 09

Neuer Tag. Geschirrgeklapper reißt mich aus meinen Träumen. Schon wieder aufstehen. Frühstück, Auto, eintausendsechshundert Höhenmeter. Hinter Vilaflor runter von der Straße, eine Schranke ignoriert und ab ins Gelände – zum Glück haben wir ja einen Geländewagen. Die Wanderung zur Paisaje Lunar, der „Mondlandschaft“ ist nett, aber nicht außergewöhnlich. Die Mondlandschaft an sich finden die Jungs eher ernüchternd und ich weiß jetzt auch wieder, warum ich seit etwa zehn Jahren nicht mehr hier gewesen bin. Keiner fotografiert – ich habe verstanden. Also zurück zum Auto und noch mal tausend Höhenmeter über enge Serpentinen-Straßen, rauf zum Teide – immer in Angst vor plötzlich entgegenkommenden Linienbussen – die halten nicht mal an, nachdem sie Dich von der Straße in den Abgrund gefegt haben. Oben angekommen, reckt sich der 3.717 Meter messende Vulkan majestätisch zwischen zerklüfteten Lavafeldern in die Höhe. Der Asphalt der Straße flimmert in der sengenden Hitze. Stahlblauer Himmel.

Ein Gecko sitzt auf einem Stein, zwei Meter daneben sitzt ein schwitzender, übergewichtiger Tourist, dessen nackter Oberkörper in der Sonne glänzt.  Gecko und Tourist beäugen sich misstrauisch – ich kann den Gecko gut verstehen. Ein anderer Urlauber lässt sich währenddessen von seiner zwanzig Jahre jüngeren Frau fotografieren, während er grinsend eine eben noch leergetrunkene Dose Heineken-Bier in die Höhe hält – den Teide als Motiv im Hintergrund. Seine Lebensgefährtin hat sichtlich Schwierigkeiten, sich hier oben in ihren Badeschläppchen zu bewegen. Ich denke: ,Los, Berg! Zeig uns Deine Kraft. Brich aus und begrab diese schrecklichen Menschen unter einem Strom glühender Lava.‘ Aber so spontan ist der Teide leider nicht.

 

Die Jungs fotografieren die üblichen Postkarten-Motive und Christoph quengelt ein bisschen, weil er noch mit der Seilbahn auf die Spitze des Berges fahren will. Aber das macht man wirklich besser früh morgens, wenn der Blick noch nicht so diesig ist und man möglichst weit gucken kann. Wir machen das einfach beim nächsten Mal – heute wollen wir ja noch an den Strand bei Taganana, den Punta de los Roquetes – und es ist immerhin schon vier Uhr Nachmittags.

Als wir in Taganana ankommen, ist Christoph dann auch wieder versöhnt. Ein super Anblick. Schroffe Felsmassive umgeben den dunklen Sandstrand, der von rauen Wellen umspült wird. Bis vor ein paar Jahren kannten diese versteckte Ecke der Insel neben den Einheimischen (und mir natürlich) nur ein paar Hippies, die hier in selbstgezimmerten Holzbaracken gelebt haben. Strandleben und Wellenreiten, das Leben kann so einfach sein. Heute ist es hier etwas voller – auch in Spanien sind gerade Sommerferien. Trotzdem strahlt die Landschaft eine gewisse Mystik aus – und wie jedes Mal – kann ich mich der Magie dieses Ortes nicht entziehen. Meiner Meinung nach einer der schönsten Plätze der Insel. Ich liege im Sand, schaue auf‘s Meer und denke über den Sinn des Lebens nach. Auch Christophs Blick schweift von seinen Buchseiten immer wieder in die Ferne. Carlos denkt an Abendessen. Im vergangenen Jahr waren wir nach dem Strandbesuch beim Bürgermeister von Taganana – er hat ein kleines Restaurant an der einzigen Straße des Ortes und versteht es, vorzüglich zu grillen.

Es macht Spaß, ihn zu beobachten. Ständig fahren Leute vorbei, hupen, winken ihm zu oder halten kurz an, um etwas mit ihm zu besprechen. Es werden Hände geschüttelt, nebenbei montiert er noch eine neue Satellitenschüssel an seinem Haus. Er genießt es sichtlich, im Zentrum des Geschehens zu stehen. Ich glaube, er ist ein guter Bürgermeister. Das Essen ist auch gut. Heute haben wir leider weniger Glück – als wir bei ihm vorbei fahren, hat er bereits geschlossen. Statt dessen gibt es wenig später für alle Mann fangfrische Dorade in einem Restaurant in Los Abrigos, einem kleinen Fischerei-Hafen.

Tag 08

Also, eins muss man uns ja lassen – ausschlafen tun wir diesen Urlaub wirklich nicht. Christoph hat eh die halbe Nacht auf dem Balkon gesessen, weil er hier aus bislang ungeklärten Gründen nicht all zu gut schlafen kann. Und auch wir Anderen sitzen gegen halb Neun am Frühstückstisch. Schließlich gilt es, eine Insel zu erkunden. Das Abenteuer ruft! Für heute steht das Anaga-Gebirge, der weiße Sandstrand von Las Terisitas und Teneriffas Hauptstadt Santa Cruz auf dem Programm. Das Anaga-Gebirge ist einer der ältesten Teile Teneriffas. Der extra mitgenommene Reiseführer lehrt uns, dass dieser Gebirgszug bereits existierte, bevor der Vulkan Teide aus den Tiefen der afrikanischen Erdplatte geschossen ist. Keine Ahnung, woher die das wissen, immerhin ist das schlappe zwölf Millionen Jahre her. Tatsächlich hat die örtliche Flora des Anaga-Gebirges aber gewisse urzeitliche Züge. Moosbewachsene Bäume, meterhohe Farne und Nebelschwaden, die die Spezialeffektler des Filmklassikers „Jurassic Park“ auch nicht besser hinbekommen hätten. Würde jetzt, während unserer Wanderung, einer von diesen Flugsauriern kreischend über uns hinweg ziehen, wäre ich darüber auch nicht besonders erstaunt.

 

Ich sehe mir unseren Wanderweg, einen schmalen Pfad zwischen Berg und Abgrund an und denke: ,Hui, das ist aber ganz schön matschig hier. Man könnte ausrutschen und in den Abgrund stürzen.‘ Viel schlimmer wäre allerdings, wenn man sich hier Hose und Schuhwerk so einsaut, dass man Abends nicht mehr am Nachtleben der pulsierenden Hauptstadt teilnehmen kann. Immerhin ist Samstag und wir haben keine Wechselklamotten dabei.

 

Etwa dreissig Meter weiter hat sich diese Frage dann von selbst geklärt: Meine Adidas-Spezial Turnschuhe sind von ursprünglich blauem Wildleder zu braunen Erdklumpen mutiert und bezüglich meiner Jeans schlägt Carlos vor, ich solle doch später einfach mit den kompletten Klamotten ins Meer zu springen. Gut, das Meer wäre dann wahrscheinlich hinüber – aber vielleicht kann man ja so die Abendplanung retten. Kann man nicht, wie sich später herausstellen wird.

 

Anbei ein kleines Video des Ausflugs. Abenteuer, Anmut und Grazie beschreiben diesen Film am besten, denke ich.

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Raus aus dem Wald wird kurz bis vier gezählt: Es sind tatsächlich noch Alle da, wenn auch stark bewaldet und kaum wieder zu erkennen. Spiel nicht mit den Schmuddel-Kindern. Kurze Zeit später sitzen wir im Auto, auf dem Weg  zum Strand von Las Terisitas. Lassen wir das kurz auf uns wirken: Las Terisitas. Der geneigte Leser stelle sich in etwa die Bacardi-Werbung vor. Weißer Sandstrand. Palmen. Türkisfarbenes Meer. Wohlgeformte Körper, knapp bekleidet in der Sonne. Muskelbepackte Rettungsschwimmer. Und dann wir: Vier Erdklumpen. So zelebriert man Auftritte. Die etwas angewiderten Blicke der Spanier ignorierend, werden die Hosen an den Strand gestellt und dann gehts rein in die Badebuchsen. Die Sonne brennt. Kollektives eincremen mit Thammis Sonnencreme, geschätzter Lichtschutzfaktor 2.000. Die Spanier zeigen mit Fingern auf uns, ein Kind läuft schreiend weg, ich denke es hält uns für Gespenster, oder so. Die Sonne ist nicht besonders beeindruckt von der eincremerei und färbt uns trotz zentimeterdick aufgetragener Sonnenmilch innerhalb von Minuten von grünlich-weiß in langusten-rot. Wir schimpfen auf die Sonne, das Ozonloch und die Sonnencreme-Industrie, aber es nützt ja nix. Ne Stunde später sitzen wir wieder im Auto.

 

Santa Cruz. Hauptstadt, Verwaltungsmetropole, Sitz der Provinzregierung. Der Plaza Espana, die Einkaufsmeile und die berühmte Markthalle „Mercado Nuestra Senora de Africa“ können die immer noch etwas matschigen, langustenroten Kollegen nicht so richtig beeindrucken. Die Herrschaften geben sich anspruchsvoll. Gut, die Markthalle war auch geschlossen – es ist halt inzwischen fast Samstag Abend. Aber dann kriegt Carlos plötzlich doch leuchtende Augen: Das neue Museum hat es ihm angetan – ein postmodernes Gebäude aus schwarzem, glänzenden Stein mit großem, verglasten Innenhof. Thammi sagt: „Los, mach ein Photo auf dem wir so tun, als würden wir da rein gehen.“ und stellt sich vor dem gläsernen Eingang in Pose.

Aber Carlos interessiert das nicht, er hat scheinbar die wahre architektonische Schönheit dieses Gebäudes entdeckt. Er positioniert sich in der Mitte des wie ein Dreieck geformten Innenhofes, hebt die Arme und klatscht etwas zögerlich in die Hände. Das Klatschen wird als Echo von den Wänden reflektiert und Carlos freut sich, wie ein kleines Kind. Die nächsten fünf Minuten verbringt Carlos laut klatschend und schnalzend, während ich versuche, möglichst unbeteiligt auszusehen. Carlos sagt: „Das Gebäude musst Du jetzt unbedingt immer in Deine Stadtführungen einbauen.“ Ich nicke stumm.

 

Dann aber doch noch ein Highlight: Die Straße Dominguez Alfonso mit ihren tollen Häusern. Pastellfarben reiht sich Bistro an Kneipe, an Restaurant, an Straßencafé. Alles sehr lateinamerikanisch. Wir sitzen unter Palmen, essen hervorragende Tapas, trinken kühles Bier und planen, uns hier nieder zu lassen. Eins der Häuser scheint aktuell nicht genutzt zu werden. Hier machen wir unseren Laden auf. Tagsüber Tapas, gute Weine und spitzenmäßigen Kaffee, Abends dann südländische Fiesta zu heißen Rhythmen auf zwei Etagen und einer Dachterrasse. Christoph will auf Teneriffa studieren, sagt er. Die Frage nach dem „was“ klären wir wohl später.

 

Tag 07

Schon wieder tauchen. Los Abrigos, diesmal. Ein kleiner Ort, im Süden der Insel, direkt neben El Médano gelegen. Tintenfische, angeblich ein Stachelrochen am Horizont (ich bin übrigens kurzsichtig), Krabben und Schnecken in rauhen Mengen (von denen Christoph ungefähr jede fotografiert hat, zum Teil gar nicht mal schlecht, muss ich gestehen).

Einen kurzen Moment habe ich mich unsicher gefühlt, als ein spanischer Schnorchler mit einer riesigen Harpune über uns hinweg geschwommen ist. Im Gegensatz zu Touristen dürfen Spanier das Meer noch mit der Harpune bejagen. Das wird hier auch fleißig praktiziert. Während ich sonst aal-glatt durch die Tiefen gleite (manchmal fragen mich Fische nach dem Weg, so gehe ich in meiner Rolle auf), versuche ich nun schlagartig, möglichst unfischig auszusehen. Zur Sicherheit singe ich noch den Schni, schna, Schnappi-Song – der ist wirklich sehr abschreckend und spätestens daran müsste er doch erkennen, dass ich kein Meeresbewohner bin. Scheinbar mit Erfolg: Er hat mich nicht erschossen – ich hätte wohl eh nicht in seine Pfanne gepasst. Unser Leben ist abenteuerlich und aufregend.

Aber der Knaller waren die unterirdischen Höhlen. Verschiedene Becken mit türkisfarbenem Wasser, eine Landschaft, wie man sie sonst nur in “Findet Nemo” zu sehen bekommt. In meinem nächsten Leben werde ich ein Fisch – und dann ziehe ich hier ein. Ich habe die Höhlen schon in Wohn-, Ess- und Schlafbereich eingeteilt. Das Tollste ist: Man braucht unter Wasser nicht duschen. Nicht vor der Arbeit und noch nicht einmal, wenn man die Schwiegereltern besuchen geht. Einfach nie! Und jetzt überlegen Sie mal, wie viel Lebenszeit man damit sparen kann.

Einen Whirlpool gibt es auch – es ist perfekt für mich.

Morgen gehen wir übrigens nicht tauchen. Wenn wir uns trauen *), geht es zur Abwechslung mal ins Gebirge.

 

*) man darf nach einem Tauchgang für etwa 24 Stunden nicht ins Gebirge oder in ein Flugzeug steigen. Die im Körper während des Tauchens gesammelten Gase treiben nur sehr langsam aus und könnten durch den – durch die Höhe veränderten – Luftdruck ausperlen und einen umbringen, oder andere ähnlich schlimme Dinge mit einem tun. Wir wollen aber zwanzig Stunden nach dem Tauchgang auf nur etwa 700 Meter, das Risiko ist wohl in dem Fall nicht so groß, wenn man der Fachliteratur glauben schenken darf.

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