This was maybe the abgefahrenste Sache, i have ever done. Und das Ganze auch noch ohne Taschenlampe. Meine Herren, ich sage es Ihnen. Aber lassen Sie uns dem Ereignis die Einleitung zukommen lassen, die es sich – und wir uns – verdient hat. (Und haben.)
Wir sind ja nun schon eine Weile hier auf der Insel. Und es nähert sich unaufhaltsam der Tag, an dem wir vier den Flieger in Richtung Heimat besteigen werden. Entsprechend war heute unser letzter Tauchgang. Es geht mit dem roten Nussschalen-Schlauchboot – oh, es ist also repariert – die Küste entlang. Zwanzig Minuten vom Playa Paraiso in Richtung Los Gigantes. Zum Abschluss noch mal was Besonderes erleben. Das Boot schnellt über die Wellen und während ich in Gedanken auf der Fahrt die James Bond Titel-Melodie pfeife (Sie wissen schon, dieses Harpunen-Geheimagenten-Ding vom Tag 05), läuft Carlos von sonnengebräunt zu weiß und dann zu gräulich-grün an. Toll, ich kenne ein menschliches Chamäleon.
Marco, unser Tauchlehrer, hatte im Vorfeld Unterwasserlampen verteilt. An sämtliche lampenlosen Teilnehmer, nur nicht an mich. Behauptet, er hätte keine mehr. Ich glaube ihm kein Wort. Ich glaube nämlich, dass Marco mich nicht besonders gut leiden kann, nur weil ich ihm zu Beginn unseres Kurses mal vor versammelter Mannschaft gesagt habe, dass er mich ruhig ansprechen kann, falls er Fragen zum Tauchen hat. Ich hätte immerhin schon elf Tauchgänge auf meinem Konto und er säße ja als Geschäftsführer der Tauchbasis ziemlich viel im Büro und so. Die versammelte Mannschaft fand das ganz witzig, aber ich bekomme seitdem keine Lampen mehr. Und er steckt mich in zu kleine Taucheranzüge, was mich lustig aussehen lässt. Ich trage sie mit Fassung. Gefragt hat er mich auch noch nie etwas – zumindest nicht zum Thema Tauchen. Ich finde das ja etwas kindisch, zudem ich mich seitdem wirklich zusammen gerissen und ihm fast gar keine Sprüche mehr gedrückt habe. Aber zurück zum Thema.
Wir ankern das Boot unterhalb einer Bananenplantage und gehen ins Wasser. Hätte ich gewußt, was auf uns zu kommt, ich hätte mir spätestens jetzt in meinen Taucheranzug gepinkelt. So aber fühlte ich mich stark und unbesiegbar. Oh, keine Sorge – das wird sich im Verlaufe der Geschichte noch ändern.
Ohne viel drum-herum-getauche, geht es direkt zu einer unter Wasser befindlichen Höhle – mit einem Eingang, so groß, dass man darin einen australischen Sattelschlepper verschwinden lassen könnte. Zudem Lichtdurchflutet und hell erleuchtet. Wer braucht schon so ne blöde Taschenlampe. Ich fühle mich noch immer stark und unbesiegbar, aber das sagte ich ja schon.
Dann stellt sich aber heraus, dass die Höhle doch recht tief in den Berg hinein geht. Beleuchtet ist sie vom Eingang her noch immer ganz ordentlich, aber vorsichtshalber gucke ich mich kurz nach meinem Tauchbuddy Christoph um, denn der hat ja eine von den seltenen Tauchlampen bekommen und blendet damit gerade eine arme Hummerkrabbe. Hoffentlich wird sie davon nicht blind, keine Ahnung, ob Krabben Blindenhunde halten dürfen. Aber Christoph ist mein Tauchbuddy, ein echter Freund und zudem ein guter Kerl. Ich bin froh, dass Christoph dabei ist. Ein Fels in der Brandung, nicht nur hier in der Tiefe. Die Beleuchtung macht ihn um so attraktiver.
Inzwischen ist die Höhle so schmal geworden, dass man statt des Sattelschleppers höchstens noch einen Smart in den Gang kriegen würde. Und der bräuchte anschließend ziemlich sicher eine neue Lackierung.
Zu tauchen bedeutet auch, ohne Kraftaufwand im Wasser zu schweben. Das mit dem Schweben im Wasser ist eine tolle Sache – wenn man Platz hat. Wenn man sich hier unten in der Höhle verschwebt, hängt man entweder blöd zappelnd unter der Zimmerdecke (was einen ausgesprochen ungeschickten Eindruck erweckt) oder liegt bei der Hummerkrabbe auf dem Fußboden, wird von Christoph mit der Lampe geblendet und zudem noch ziemlich sicher von einem der zahlreichen Seeigel in den Bauch gepikst. Auch nicht besonders erstrebenswert. Zum ersten Mal kommt mir in den Sinn, dass elf Tauchgänge vielleicht doch gar nicht so viele sind.
Die Höhle nimmt kein Ende. Inzwischen ist es so dunkel, dass man ohne Christophs Funzel die Hand nicht mehr vor Augen sehen würde. Was den Bruchteil einer Sekunde später dann auch der Fall ist – an dieser Stelle unserer kleinen Geschichte sind nämlich die Batterien von Christophs Lampe alle. Toll. Jetzt habe ich nicht mal mehr eine Fremdbeleuchtung. Ich nehme in Gedanken hin, dass mein Tauchbuddy Christoph damit leider für immer verloren ist und sehe mich nach einem neuen, leuchtenden Tauchpartner um. Es ist inzwischen so eng, dass keine zwei Taucher mehr nebeneinander Platz haben. Ich versuche eine leichte, aufkeimende Panik zu unterdrücken, in der inzwischen stockfinsteren Nacht irgendwie zu schweben, während die vor mir tauchende – sonst eigentlich ganz nette – Achtzehnjährige mir ihre Schwimmflossen vor die Tauchermaske dengelt. Das ist mir inzwischen aber auch egal – ich sehe ja eh nichts – wozu braucht man da noch eine Maske. Immerhin hat sie eine Taschenlampe. Wäre diese Höhle über Wasser, an dieser Stelle müsste man kriechen. Ich fühle mich stark eingeengt und überhaupt nicht mehr unbesiegbar. Sollte mich ein Hai fressen wollen, jetzt wäre eine gute Gelegenheit, mich hilflos zu erwischen – obwohl, der käme hier ja gar nicht an mich ran.
Es geht noch enger. Aalgleich presse ich mich durch Felsspalten, mit dem Bauch im Sand, während die Sauerstoff-Flasche fast am Fels über mir kratzt. Links ein halber Meter, rechts ein halber Meter. Ich muss irgendwas abnehmen, entweder die Flasche oder den Bauch. Die Sauerstoffflasche unter Wasser abzunehmen widerspricht irgendwie meinem Überlebensdrang und das mit dem Bauch kriege ich jetzt so spontan auch nicht in den Griff. Wenn mir jetzt was passiert, komme ich hier nie wieder raus. Ich denke an Flucht. Aber was nützt es: Ich bin der vorlaute Junge ohne Lampe. Und ich stecke in einer mit Wasser gefluteten Rohrpoströhre, vor mir ein Taucher, hinter mir ein Taucher. Ich muss mit, egal, was ich davon halte.
Und dann ist da plötzlich vor mir eine Wand. Hä? Da waren doch eben noch andere Taucher, da bin ich mir einigermaßen sicher. Dann über mir ein Lichtschein. Krass. Da geht es einen Kamin hoch. Na, “Kamin” ist jetzt übertrieben. Ein Kamin ginge senkrecht nach oben und wäre damit verhältnismäßig einfach zu betauchen. So einfach machen wir es dem vorlauten Jungen ohne Taschenlampe an dieser Stelle nicht. Stellen Sie sich bitte einen Kamin vor, der in seinem Leben mindestens zwei Hauseinstürze hinter sich gebracht hat. Es geht senkrecht nach oben, dann macht es einen Knick, man muss neunzig Grad nach links – was aber nur geht, wenn man ein Schlangenmensch ist (oder halt der Junge ohne Alternativen) – und dann weiß ich nicht mehr, wie’s weiter ging, denn an dieser Stelle habe ich mich nur noch auf die unterirdische Höhle konzentriert, die ich über mir gesehen habe. Da ist Platz.
Ich schätze, man kann es nicht beschreiben, wenn man nicht dabei gewesen ist. Die gleiche Höhle über Wasser hätte ich höchstens bis zur Eingangshalle betreten. Und hier, mit durch die Tauchermaske eingeschränkter Sicht, einer Stahlflasche auf dem Rücken, Luft aus einem Automaten, der beim Atmen so komische Darth Vader-Geräusche macht und mit sechs Kilo Blei um die Hüfte geschnallt: Total verrückt, wenn Sie mich fragen. Aber auch ein bisschen gewaltig.
Christoph hat – entgegen meiner Prognose und trotz ausgefallener Lampe – den Tauchgang überlebt und einen Teil der Strecke mit der Unterwasserkamera gefilmt. Man sieht nur den Sattelschlepper-Eingangsbereich und die unterirdische Höhle – ich habe nicht übertrieben, der Rest der Strecke wäre zum Filmen einfach zu dunkel gewesen. Aber es vermittelt immerhin einen Eindruck.
Aber sehen Sie doch bitte selbst. Und schauen Sie sich bitte auch den dunkeln Bereich an, denn da tauche ich – noch recht entspannt. Ich bin die Luftblasen, bei Sekunde 14, etwa. In der Höhle werde ich dann von Salzwasser bespuckt, welches durch unterirdische Kanäle in die Höhle gedrückt wird.
So. Und morgen geht es – zur Abwechslung mal nicht tauchen – sondern durch die berüchtigte Masca-Schlucht. Ich bin sie noch nicht erwandert, soll aber auch beeindruckend sein.