Tag 15

Anmerkung des Autors:

Ich will ehrlich sein: Lange habe ich mich gesträubt, die Ereignisse des fünfzehnten Tages unserer Reise niederzuschreiben. Aber es wird Zeit.

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Die Höllenschlucht

Es brennt. Die Sonne, meine ich. Es brennt die Sonne. Vom Himmel. Wie gut, dass wir durch eine Schlucht laufen, umgeben von Felsmassiven, die der Sonne kaum eine Chance zum penetrierenden Hineinscheinen geben.

Und es ist warm. 75 Grad, oder so. Was hat der Ticket-Verkäufer noch gleich gesagt? Drei Stunden braucht man für die Strecke von Masca bis zum kleinen Strand, an dem man mit dem Boot abgeholt wird. Kein anderer Weg führt rein, kein anderer Weg führt raus aus der Schlucht. Pünktlich um 11.30 Uhr stehen wir also in der schönsten Mittagshitze auf 600 Höhenmetern und blicken in den Abgrund. Zeit bis zum Ablegen des Bootes: 3 Stunden.

Anders, als die nicht zu übersehende Warntafel am Eingang der Schlucht einem entgegenzuschreien scheint, beginnt der Weg eigentlich recht nett: Er schlängelt sich so zwischen Palmen und Kakteen den Berg hinab. Die Kakteen haben zu dieser Zeit leuchtend rote Früchte, welche man angeblich essen kann. Zumindest sitzt am Eingang der Schlucht ein spanischer Signore, der uns eben diese Früchte zu einem sündhaft teuren Preis zum Kauf anbietet.

Ich entgegne: “Nä, pflücken wir selbst, man!” Und ab in die Schlucht und ab zu so ner Kaktee und dann mit den Fingern eine von diesen leuchtend roten Früchten gepflückt. Und dann die nächsten zwei Stunden damit verbracht, die feinen häärchenartigen Nadeln der Kaktee aus den Fingern wieder raus zu pulen. Denn merke (was der geneigte Leser natürlich längst weiß): Etwas, das in der freien Wildbahn leuchtend rot daher kommt, hat immer einen oder – wie in diesem Fall – gleich mehrere (Wider-)haken. Bunte Schlangen, leuchtende Pflanzen, dieser Fisch, mit der Laterne..

Und ich weiß also jetzt, wie sich der horrende Preis für die Früchte berechnet: Ein Fünftel des Geldes für Pflückarbeiten, vier Fünftel für Hausarztkosten. Armer Kerl, beim nächsten Mal kaufe ich Dir ganz bestimmt für ein Monatsgehalt frische Früchte ab.

Die Schlucht ist fast so beeindruckend wie die Tatsache, dass hinter uns zwei russische Mädels in pinkfarbenen Badelatschen den dreistündigen Abstieg wagen. Hat ein bisschen was von einem dieser Softporno-Streifen, in denen leicht bekleidete Mädchen in Stöckelschuhen versuchen, ihren im Schlamm festgefahrenen BMW wieder aus dem Matsch zu schieben..

Da ich aber weder besonders auf Stöckelschuhe, noch auf pinke Badelatschen abfahre, erkläre ich die Mädels für verloren und widme mich wieder dem einzigen, was in dieser Situation wirklich zählt: Dem Überleben!

Vier Jungs, 79 Grad und eine Schlucht, die uns zu jeder Zeit unter Tonnen herabstürzender Gesteinsmassen begraben könnte. Wilde Tiere hat’s natürlich auch. Vielleicht schafft es einer von uns, keinesfalls aber alle vier.

Um diese Erkenntnis reicher, beobachte ich, die Augen zu Schlitzen verengt, argwöhnisch meine drei Begleiter. Wen würde ich im Zweifelsfall zuerst opfern, um meine Haut zu retten?

Scheinbar bin ich bis jetzt der Einzige, dem die ausweglose Ernsthaftigkeit unserer Situation bewußt ist. Ein immenser Vorteil. Thammi macht einen harmlosen Scherz, die anderen Beiden lachen. Und in diesem Moment beschließe ich: Traue niemandem. Vielleicht haben die Drei ja verabredet, mich zu opfern und wollen mich jetzt durch harmlose Späße in Sicherheit wiegen.

85 Grad im Schatten. Wir sind inzwischen mehr als zwei Stunden unterwegs. Ich traue mich nicht mehr, dem Feind den Rücken zu zu drehen – immer wieder liest man ja vom schnellen Tod, der einen Hinterrücks ereilt.

Thammi zückt seine Handykamera und sagt, ich soll mich doch mal etwas näher an den Abgrund stellen. Für das Photo. Was für ein halbherziger Versuch! Offensichtlich rechnet er nicht damit, dass ich diesen Mummenschanz längst durchschaut habe.

88 Grad. Ich höre Stimmen in der Schlucht. Offensichtlich will man mir vorgaukeln, wir wären nicht allein. Eine Analyse muss her. Christoph hat noch ca. 0,4 Liter Wasser in seinem Rucksack, Thammi eine Kopfbedeckung. Carlos eines Brillenglas könnte zum Feuer machen, das andere als einfaches Schneidewerkzeug verwendet werden. Diese Informationen müssen im Falle eines Überraschungsangriffs schnell abrufbar sein. Blitzartiger Zugriff auf die Ressourcen und dann raubkatzenartig in der nächsten Deckung verschwinden.

Meine Nerven sind inzwischen gespannt wie Drahtseile. Jede Bewegung, jedes Lachen der Drei wird wahrgenommen und analysiert. Es ist anstrengend, mit dem Feind in einem Boot zu sitzen. 92 Grad.

Die Luft flimmert, mir tun die Füße weh. Aber Carlos ist umgeknickt und noch schlechter dran, als ich. Das ist gut, man sollte immer ein Mitglied in der Gruppe haben, das schwächer ist, als man selbst. Wegen der Raubtiere.

126,3 Grad. Ich spüre, wie das Blut in meinem Kopf langsam zu kochen beginnt. Das Hirn selbst zerfließt zu einer breiigen Masse. Ich halte den Mund geschlossen – immerhin ist das die am tiefsten gelegene Öffnung in meinem Kopf. Wenn Hirn aus mir rausfließen sollte, dann dort zuerst.

Ich werde irgend etwas gefragt, offensichtlich wieder ein halbherziger Versuch mich zu schwächen. Ich antworte nicht. Auch wegen des ausfließenden Gehirns, die anderen sollen meine Schwäche nicht bemerken.

134 Grad in der Schlucht. Ich beschließe: Ich werde es tun. Ich stürze mich auf Christoph, entreiße ihm die verbliebene Wasserreserve, dann auf Thammi  mit dem Kopfschutz  und zuletzt auf Carlos. Gleich hinter der nächsten Kurve werde ich es tun – nur für den Fall, dass die Badelatschentanten es bis hier geschafft haben sollten – was allerdings sehr unwahrscheinlich ist.

271 Grad Celsius. Schweißtropfen laufen mir in die Augen, als es um die nächste Biegung geht. Die Sicht verschwimmt. Ich bin mir sicher, ausgetretene Hirnflüssigkeit durchnässt mein T-Shirt. Stimmen wabern an mein Ohr, erreichen mich aber nicht. Ist auch egal.

Vor mir Christoph. Er läuft mit dem Rücken zu mir gewandt, eine klare Nachlässigkeit seinerseits. Solche Fehler sind hier in der Wildnis natürlich schnell tödlich. Ich versuche, für den bevorstehenden Angriff so viel an Konzentration aufzubringen, wie das noch verbliebene Hirn mir erlaubt. Ich denke: ‘Es tut mir leid, Christoph. Ist nichts persönliches’. Dann gehe ich leicht in die Knie und setze zum Sprung an..

..als mir plötzlich jemand kräftig auf die Schulter haut und mich jäh aus der Konzentration reißt.

“Guck mal, Herr Bert. Wir haben’s geschafft.”

Ich gucke. Thammi hat recht: Vor uns öffnet sich die Schlucht zu einem breiten Strand. Sanft schlagen die Wellen auf den Kies, eine leichte Briese umweht meine Nase. Wir sind gerettet.

Als wir wenig später neben den beiden Russinnen auf dem Schiff sitzen, das uns vom Strand zurück in die Zivilisation bringen soll, blicke ich noch einmal  zurück. Für einen winzigen Moment glaube ich, eine dunkle Gestalt am Ufer hocken zu sehen. Wie ein Raubtier auf alle Viere gekauert, sitzt sie da und starrt uns nach. Und in der Ferne erscheinen als weiße Punkte die ersten Häuser von Los Gigantes.

Die Höllenschlucht.. Wir waren da. Und stärker!

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Genau so, liebe Leser, hat es sich zugetragen – am fünfzehnten und letzten Tag unserer Reise.

Am nächsten Morgen ging es mit dem Flieger zurück nach Frankfurt, wo Thammi seiner Freundin noch am gleichen Abend einen Heiratsantrag gemacht hat. Christoph hat sich wenig später ebenfalls gebunden, Carlos macht eine Ernährungsumstellung. Und wer die Geschichte aufmerksam gelesen hat, der kennt jetzt vielleicht auch den Grund für diese Veränderungen.

Life is short. But wide!

 

Santana

Eine Sache möchte ich mal klarstellen:

Santana ist meiner Meinung nach kein besonders guter Gitarrist. Als Minister des guten Geschmacks (a.D.) kann ich das beurteilen: Für mich bewegt er sich eher so in der mittleren Oberklasse. Ich komme darauf, weil ich gerade einen Police-Song gehört habe, bei dem Santana ohrenscheinlich einen Gastauftritt hatte. Wie bei so vielen anderen Songs auch, die uns täglich so aus dem Radio beschallen.
Er hat halt einen ziemlich einfallslosen, aber recht unverwechselbaren Sound kreiert und zupft sich damit so durch die Musikwelt der letzten Jahrzehnte.

Als Konsument nehme ich das hin. Aber eins kann ich Euch sagen: Als langjähriger Profimusiker wäre ich in meiner Gitarristen-Ehre echt gekränkt, wenn jemand käme und mir sagen würde: Du spielst ja echt super, aber für den nächsten Song holen wir uns mal einen Gastmusiker, der hat so einen unverwechselbaren Sound.

Und dann käme Santana.

Ich denke, ich würde ihm seine Gitarre wahrscheinlich um den Hals wickeln und ihn mit einem Tritt in seinen faltigen Arsch aus dem Tonstudio befördern. Das einzige, was Santana vor diesem Schicksal bewahrt, ist die Tatsache, dass ich kein Profimusiker bin. Leider. Ich spiele leidlich Gitarre – spielen kann man es eigentlich kaum nennen. Ich nenne es “das Kum-bay-ya-Niveau”. Unterm Strich viel schlechter als dieser Mietbarde. So ist es am Ende vielleicht doch nur der Neid, der mich zum Schreiben dieser Zeilen treibt? (Nein, ich denke, nicht.. Oder? Nein.)

Aber das ist auch die einzige Entschuldigung. Ansonsten könnte er echt was erleben!

Mit diesem Artikel rufe ich auf zur Solidarität mit den vielen armen, zurückgestuften Berufsgitarristen, die ein Leben auf der (Achtung: Wortspiel, jetzt:) Schattensaite fristen. Gründen wir eine Gewerkschaft. Kum-by-ya (Come by here).

Kumbaya

Nervig!

 

Patrick J. Lynch

Manche Dinge braucht kein Mensch. Hirnnerven zum Beispiel. Also, zwecks Reizweiterleitung schon – da können sie sicher gar nicht schaden und an dieser Stelle würde ich sie sogar ein bisschen vermissen, schätze ich. Aber nicht in meinen Unterlagen. Kein Mensch sollte die zwölf Hirnnerven lernen müssen. Oder sämtliche Aortenabgänge. Oder neunzig Medikamente mit Dosierung, Indikation, Kontraindikation und Wechselwirkung. Gibt es da nicht irgendein Gesetz gegen? Ein ganz kleines würde mir reichen.. Zumal dann nicht, wenn in der echten Welt da draußen Sonntag ist und die Sonne zu diesem Anlass einen traumhaft schönen Herbsttag serviert. Im Herbiversum ist heute Lerntag. Also, noch ein Lerntag! Der liebe Gott hat gut reden, mit “am siebten Tage sollst Du ruhen” und so. Der hatte ja auch nicht zehn – ah!!, es sind nur noch acht! – Tage später ein Staatsexamen zu bestreiten. Da redet es sich leicht. So. Nervus olfactorius, nervus vagus, nervus glosso-pharyngeus, nervus opticus, nervus oculomotoris, nervus trochlearis, nervus abducens…

Tot durch Käpt’n Iglo, aber nur vielleicht.

Eine kurze Mitteilung, vielleicht meine letzte.

Als positiv eingestellter Mensch (das Wasserglas ist halb voll und so), habe ich mich DAFÜR entschieden, die Fischstäbchen aus dem Tiefkühler unseres Wochenendhauses zu essen, obwohl sie seit Februar 2010 abgelaufen sind. Reine Abwägungssache.

Kontra: Haltbarkeitsdatum auf der Packung, deutlich lesbar abgelaufen.

Pro: Sie waren tiefgekühlt und das mit den Mindesthaltbarkeitsdaten kennt man ja.

Kontra: Es ist Fisch. Und: Ich musste ihn von Eis befreien.

Pro: Das ging eigentlich ganz gut.

Kontra: Das nächste Krankenhaus ist.. – ich habe echt keine Ahnung – aber bestimmt 20 Kilometer weit weg. Und hier findet mich keiner.

Pro: Ich bin im Rettungsdienst tätig, kann mir also selber helfen.

Kontra: Ich weiß nur leider gerade nicht, was man bei Fischvergiftung eigentlich so macht. Blöd. Wenn ich mir einen Arm abhacken würde, wüsste ich Bescheid. Beim Herzinfarkt ebenfalls. Ich könnte mich mit Alkohol, Kohlenmonoxyd, Kohlendioxyd, diversen Putzmitteln oder Opiaten vergiften und anschließend halbwegs wieder herstellen. Aber gammeliger Fisch? Pfft – lebe ich am Meer, oder was!

Pro: Der Fisch sieht eigentlich noch ganz gut aus. Nicht grün, oder so.

Es steht also jetzt vier zu vier – ich bin unschlüssig, verunsichert und vielleicht morgen tot.

Also hauen wir noch zwei raus:

Pro: Ich habe Hunger und gerade große Lust auf Fischstäbchen. Und die Mottenraupe aus dem mexikanischen Mescal habe ich schließlich auch überlebt.

und (jetzt gebe ich dem Kontra den Rest):

Pro: Ich bin ein positiv eingestellter Mensch (siehe oben).

Sechs zu vier, klare Entscheidung. Sollte ich morgen tot sein, habe ich wohl ein Argument auf der Kontra-Seite übersehen.

Ich lasse die Fischstäbchen trotzdem ein bisschen länger im Ofen. Nur so zur Sicherheit.

Kann mich morgen jemand anrufen, bitte? *)

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*) Mobil, nicht Festnetz. Sollte ich nicht rangehen, vergewissert Euch bitte erst persönlich, dass ich auch wirklich tot oder auf bestem Weg dahin bin, bevor ihr mir Polizei oder Rettungsdienst auf den Hals hetzt. Seien wir mal ehrlich: Ich bin ziemlich zäh. Wahrscheinlich überlebe ich.

Tag 14

This was maybe the abgefahrenste Sache, i have ever done. Und das Ganze auch noch ohne Taschenlampe. Meine Herren, ich sage es Ihnen. Aber lassen Sie uns dem Ereignis die Einleitung zukommen lassen, die es sich – und wir uns – verdient hat. (Und haben.)

Wir sind ja nun schon eine Weile hier auf der Insel. Und es nähert sich unaufhaltsam der Tag, an dem wir vier den Flieger in Richtung Heimat besteigen werden. Entsprechend war heute unser letzter Tauchgang. Es geht mit dem roten Nussschalen-Schlauchboot – oh, es ist also repariert – die Küste entlang. Zwanzig Minuten vom Playa Paraiso in Richtung Los Gigantes. Zum Abschluss noch mal was Besonderes erleben. Das Boot schnellt über die Wellen und während ich in Gedanken auf der Fahrt die James Bond Titel-Melodie pfeife (Sie wissen schon, dieses Harpunen-Geheimagenten-Ding vom Tag 05), läuft Carlos von sonnengebräunt zu weiß und dann zu gräulich-grün an. Toll, ich kenne ein menschliches Chamäleon.

Marco, unser Tauchlehrer, hatte im Vorfeld Unterwasserlampen verteilt. An sämtliche lampenlosen Teilnehmer, nur nicht an mich. Behauptet, er hätte keine mehr. Ich glaube ihm kein Wort. Ich glaube nämlich, dass Marco mich nicht besonders gut leiden kann, nur weil ich ihm zu Beginn unseres Kurses mal vor versammelter Mannschaft gesagt habe, dass er mich ruhig ansprechen kann, falls er Fragen zum Tauchen hat. Ich hätte immerhin schon elf Tauchgänge auf meinem Konto und er säße ja als Geschäftsführer der Tauchbasis ziemlich viel im Büro und so. Die versammelte Mannschaft fand das ganz witzig, aber ich bekomme seitdem keine Lampen mehr. Und er steckt mich in zu kleine Taucheranzüge, was mich lustig aussehen lässt. Ich trage sie mit Fassung. Gefragt hat er mich auch noch nie etwas – zumindest nicht zum Thema Tauchen. Ich finde das ja etwas kindisch, zudem ich mich seitdem wirklich zusammen gerissen und ihm fast gar keine Sprüche mehr gedrückt habe. Aber zurück zum Thema.

Wir ankern das Boot unterhalb einer Bananenplantage und gehen ins Wasser. Hätte ich gewußt, was auf uns zu kommt, ich hätte mir spätestens jetzt in meinen Taucheranzug gepinkelt. So aber fühlte ich mich stark und unbesiegbar. Oh, keine Sorge – das wird sich im Verlaufe der Geschichte noch ändern.

Ohne viel drum-herum-getauche, geht es direkt zu einer unter Wasser befindlichen Höhle – mit einem Eingang, so groß, dass man darin einen australischen Sattelschlepper verschwinden lassen könnte. Zudem Lichtdurchflutet und hell erleuchtet. Wer braucht schon so ne blöde Taschenlampe. Ich fühle mich noch immer stark und unbesiegbar, aber das sagte ich ja schon.

Dann stellt sich aber heraus, dass die Höhle doch recht tief in den Berg hinein geht. Beleuchtet ist sie vom Eingang her noch immer ganz ordentlich, aber vorsichtshalber gucke ich mich kurz nach meinem Tauchbuddy Christoph um, denn der hat ja eine von den seltenen Tauchlampen bekommen und blendet damit gerade eine arme Hummerkrabbe. Hoffentlich wird sie davon nicht blind, keine Ahnung, ob Krabben Blindenhunde halten dürfen. Aber Christoph ist mein Tauchbuddy, ein echter Freund und zudem ein guter Kerl. Ich bin froh, dass Christoph dabei ist. Ein Fels in der Brandung, nicht nur hier in der Tiefe. Die Beleuchtung macht ihn um so attraktiver.

Inzwischen ist die Höhle so schmal geworden, dass man statt des Sattelschleppers höchstens noch einen Smart in den Gang kriegen würde. Und der bräuchte anschließend ziemlich sicher eine neue Lackierung.

Zu tauchen bedeutet auch, ohne Kraftaufwand im Wasser zu schweben. Das mit dem Schweben im Wasser ist eine tolle Sache – wenn man Platz hat. Wenn man sich hier unten in der Höhle verschwebt, hängt man entweder blöd zappelnd unter der Zimmerdecke (was einen ausgesprochen ungeschickten Eindruck erweckt) oder liegt bei der Hummerkrabbe auf dem Fußboden, wird von Christoph mit der Lampe geblendet und zudem noch ziemlich sicher von einem der zahlreichen Seeigel in den Bauch gepikst. Auch nicht besonders erstrebenswert. Zum ersten Mal kommt mir in den Sinn, dass elf Tauchgänge vielleicht doch gar nicht so viele sind.

Die Höhle nimmt kein Ende. Inzwischen ist es so dunkel, dass man ohne Christophs Funzel die Hand nicht mehr vor Augen sehen würde. Was den Bruchteil einer Sekunde später dann auch der Fall ist – an dieser Stelle unserer kleinen Geschichte sind nämlich die Batterien von Christophs Lampe alle. Toll. Jetzt  habe ich nicht mal mehr eine Fremdbeleuchtung. Ich nehme in Gedanken hin, dass mein Tauchbuddy Christoph damit leider für immer verloren ist und sehe mich nach einem neuen, leuchtenden Tauchpartner um. Es ist inzwischen so eng, dass keine zwei Taucher mehr nebeneinander Platz haben. Ich versuche eine leichte, aufkeimende Panik zu unterdrücken, in der inzwischen stockfinsteren Nacht irgendwie zu schweben, während die vor mir tauchende – sonst eigentlich ganz nette – Achtzehnjährige mir ihre Schwimmflossen vor die Tauchermaske dengelt. Das ist mir inzwischen aber auch egal – ich sehe ja eh nichts – wozu braucht man da noch eine Maske. Immerhin hat sie eine Taschenlampe. Wäre diese Höhle über Wasser, an dieser Stelle müsste man kriechen. Ich fühle mich stark eingeengt und überhaupt nicht mehr unbesiegbar. Sollte mich ein Hai fressen wollen, jetzt wäre eine gute Gelegenheit, mich hilflos zu erwischen – obwohl, der käme hier ja gar nicht an mich ran.

Es geht noch enger. Aalgleich presse ich mich durch Felsspalten, mit dem Bauch im Sand, während die Sauerstoff-Flasche fast am Fels über mir kratzt. Links ein halber Meter, rechts ein halber Meter. Ich muss irgendwas abnehmen, entweder die Flasche oder den Bauch. Die Sauerstoffflasche unter Wasser abzunehmen widerspricht irgendwie meinem Überlebensdrang und das mit dem Bauch kriege ich jetzt so spontan auch nicht in den Griff. Wenn mir jetzt was passiert, komme ich hier nie wieder raus. Ich denke an Flucht. Aber was nützt es: Ich bin der vorlaute Junge ohne Lampe. Und ich stecke in einer mit Wasser gefluteten Rohrpoströhre, vor mir ein Taucher, hinter mir ein Taucher. Ich muss mit, egal, was ich davon halte.

Und dann ist da plötzlich vor mir eine Wand. Hä? Da waren doch eben noch andere Taucher, da bin ich mir einigermaßen sicher. Dann über mir ein Lichtschein. Krass. Da geht es einen Kamin hoch. Na, “Kamin” ist jetzt übertrieben. Ein Kamin ginge senkrecht nach oben und wäre damit verhältnismäßig einfach zu betauchen. So einfach machen wir es dem vorlauten Jungen ohne Taschenlampe an dieser Stelle nicht. Stellen Sie sich bitte einen Kamin vor, der in seinem Leben mindestens zwei Hauseinstürze hinter sich gebracht hat. Es geht senkrecht nach oben, dann macht es einen Knick, man muss neunzig Grad nach links – was aber nur geht, wenn man ein Schlangenmensch ist (oder halt der Junge ohne Alternativen) – und dann weiß ich nicht mehr, wie’s weiter ging, denn an dieser Stelle habe ich mich nur noch auf die unterirdische Höhle konzentriert, die ich über mir gesehen habe. Da ist Platz.

Ich schätze, man kann es nicht beschreiben, wenn man nicht dabei gewesen ist. Die gleiche Höhle über Wasser hätte ich höchstens bis zur Eingangshalle betreten. Und hier, mit durch die Tauchermaske eingeschränkter Sicht, einer Stahlflasche auf dem Rücken, Luft aus einem Automaten, der beim Atmen so komische Darth Vader-Geräusche macht und mit sechs Kilo Blei um die Hüfte geschnallt: Total verrückt, wenn Sie mich fragen. Aber auch ein bisschen gewaltig.

Christoph hat – entgegen meiner Prognose und trotz ausgefallener Lampe – den Tauchgang überlebt und einen Teil der Strecke mit der Unterwasserkamera gefilmt. Man sieht nur den Sattelschlepper-Eingangsbereich und die unterirdische Höhle – ich habe nicht übertrieben, der Rest der Strecke wäre zum Filmen einfach zu dunkel gewesen. Aber es vermittelt immerhin einen Eindruck.

Aber sehen Sie doch bitte selbst. Und schauen Sie sich bitte auch den dunkeln Bereich an, denn da tauche ich – noch recht entspannt. Ich bin die Luftblasen, bei Sekunde 14, etwa. In der Höhle werde ich dann von Salzwasser bespuckt, welches durch unterirdische Kanäle in die Höhle gedrückt wird.

 

So. Und morgen geht es – zur Abwechslung mal nicht tauchen – sondern durch die berüchtigte Masca-Schlucht. Ich bin sie noch nicht erwandert, soll aber auch beeindruckend sein.

Tag 13

Zwei Stunden braucht’s vom Balkon, den Strand entlang und dann den Hausberg hinauf, bis zur Spitze des Montana Roja – der direkt gegenüber von unserer Bleibe liegt, auf der anderen Seite der Bucht. Für den Aufstieg belohnt, wird man mit einem Blick über den Küstenort El Medano und von oben auf den Flughafen Süd. Lustig, wenn Flugzeuge unter einem starten und landen, fast kann man ihnen auf den Kopf spucken.

Ansonsten gebe ich gerne zu, dass wir heute schlicht gefaulenzt haben. Man kann ja nicht jeden Tag tolle Dinge erleben.

 

(Blick von Balkon auf Berg und zurück, das Wetter war Abends nicht so berühmt – eine Ausnahme.)

 

 

 

Tag 12

Klippenspringen.

Ein Blick nach links: Christoph. Daneben: Thammi. Rechts: Carlos.

Ein weiterer, zögerlicher Schritt nach vorne, näher an den Rand. Unten in der Bucht schlagen die Wellen türkisfarben gegen die Felsen. In Momenten wie diesem funktionieren die Sinne intensiver, der warme Passatwind streicht durch die Haare, um die Nase herum, über die Haut. Den konzentrierten Blick zum Horizont, die Arme leicht vom Körper gespreizt. Einatmen. Die Wortfetzen um einen herum verkommen zu einer breiigen Masse, nur um einen Wimpernschlag später ganz zu verschwinden. Nicht mehr ausatmen. Nervöse Anspannung. Nach vorne lehnen. Noch ein kleines Stück. Dann gibt es kein Zurück mehr. Kräftig abstoßen muss man sich, um von der Felswand weg zu kommen. Darf sich nicht zu weit drehen. Dann fällt man. Das Wasser rast mit atemberaubender Geschwindigkeit auf einen zu. Für Sekunden steht die Zeit still, leere im Kopf. Rasen, Stillstand, Leere – alles gleichzeitig. Gefolgt von einem harten Aufschlag. Ein explosionsartiger Knall, dann wieder Stille.

Luftbläschen und kristallklares Meerwasser fressen die herabfallende Anspannung und ziehen sie  in die Tiefe. Den Körper drehen. Über einem tanzen freundliche Sonnenstrahlen. Ausatmen. Zwei kurze Züge bis zum Auftauchen. Endlich wieder einatmen.

So fühlt es sich an, wenn man von einer Klippe springt. Im Westen der Insel, am Punta de Teno zum Beispiel. Zumindest glaube ich, dass es sich so anfühlt – denn wir haben es natürlich nicht getan. Was denken denn Sie von uns, wir sind doch nicht verrückt!

Wir haben es nur von der Mole geschafft. Fünf Meter, oder so. Eher weniger. Vor mir ist ein achtjähriger Junge gesprungen. Aufregend war es trotzdem ein bisschen. Stadtjungen-Aufregend halt.

Grüße von der Insel. ;)

Tag 11

Christophs Sonnenbrille ist weg. Aus dem klapprigen Mercedes Transporter der Tauchschule gestohlen, als die Herrschaften gerade die Unterwasserwelt am “Leuchtturm” erkundet haben. Ein Atemregler der Tauchschule ist bei dieser Gelegenheit auch abhanden gekommen. Zugegeben, das ist ärgerlich. Aber im Vorfeld wurde auch mehrfach darauf hingewiesen, keine Wertsachen mit an die Tauchspots zu nehmen – sondern statt dessen alles, das nicht mit ins Wasser geht, in der Tauchbasis zu lassen.

Wie die Süddeutsche in ihrer heutigen Ausgabe so schön schreibt, liegt die Jugendarbeitslosigkeit in Spanien bei inzwischen 46 Prozent – und Teneriffa bildet da keine Ausnahme. Natürlich rechtfertigt das keinen Diebstahl. Aber völlig überraschen mag es da wohl auch nicht. Also kurz die Wunden geleckt und zurück zum Tagesgeschäft.


Der Wagen der Tauchschule war übrigens nicht verschlossen – das ist er nie.

Tag 10

Die Jungs sind tauchen, während ich über meinen Büchern brüte. Anatomie der Atemorgane. Das Alveolarepithel ist vom Sufactant überzogen. Das Meer rauscht, wir haben Flut. Diese Substanz setzt die Oberflächenspannung innerhalb der Alveole herab. Ein kleiner Junge hüpft mit seinen Schwimmflügelchen in den Pool. Fällt mir heute schwer, mich auf Alveolen und Co. zu konzentrieren. Ich bin froh, mich zwischendurch mit dem Schreiben der Blogeinträge für Tag 08-10 abzulenken. Aber inzwischen ist es schon viertel vor drei und ich habe noch kaum etwas geschafft. Ich schätze, ich muss mal zurück zu meinen Büchern. Damit Sie es wissen: Die Gesamtfläche aller Lungenbläschen beim Erwachsenen beträgt etwa 80 Quadratmeter - Schätze, der Schwimmflügel-Junge hat etwas weniger. Ist bestimmt trotzdem ein netter Kerl.

 

Tag 09

Neuer Tag. Geschirrgeklapper reißt mich aus meinen Träumen. Schon wieder aufstehen. Frühstück, Auto, eintausendsechshundert Höhenmeter. Hinter Vilaflor runter von der Straße, eine Schranke ignoriert und ab ins Gelände – zum Glück haben wir ja einen Geländewagen. Die Wanderung zur Paisaje Lunar, der „Mondlandschaft“ ist nett, aber nicht außergewöhnlich. Die Mondlandschaft an sich finden die Jungs eher ernüchternd und ich weiß jetzt auch wieder, warum ich seit etwa zehn Jahren nicht mehr hier gewesen bin. Keiner fotografiert – ich habe verstanden. Also zurück zum Auto und noch mal tausend Höhenmeter über enge Serpentinen-Straßen, rauf zum Teide – immer in Angst vor plötzlich entgegenkommenden Linienbussen – die halten nicht mal an, nachdem sie Dich von der Straße in den Abgrund gefegt haben. Oben angekommen, reckt sich der 3.717 Meter messende Vulkan majestätisch zwischen zerklüfteten Lavafeldern in die Höhe. Der Asphalt der Straße flimmert in der sengenden Hitze. Stahlblauer Himmel.

Ein Gecko sitzt auf einem Stein, zwei Meter daneben sitzt ein schwitzender, übergewichtiger Tourist, dessen nackter Oberkörper in der Sonne glänzt.  Gecko und Tourist beäugen sich misstrauisch – ich kann den Gecko gut verstehen. Ein anderer Urlauber lässt sich währenddessen von seiner zwanzig Jahre jüngeren Frau fotografieren, während er grinsend eine eben noch leergetrunkene Dose Heineken-Bier in die Höhe hält – den Teide als Motiv im Hintergrund. Seine Lebensgefährtin hat sichtlich Schwierigkeiten, sich hier oben in ihren Badeschläppchen zu bewegen. Ich denke: ,Los, Berg! Zeig uns Deine Kraft. Brich aus und begrab diese schrecklichen Menschen unter einem Strom glühender Lava.‘ Aber so spontan ist der Teide leider nicht.

 

Die Jungs fotografieren die üblichen Postkarten-Motive und Christoph quengelt ein bisschen, weil er noch mit der Seilbahn auf die Spitze des Berges fahren will. Aber das macht man wirklich besser früh morgens, wenn der Blick noch nicht so diesig ist und man möglichst weit gucken kann. Wir machen das einfach beim nächsten Mal – heute wollen wir ja noch an den Strand bei Taganana, den Punta de los Roquetes – und es ist immerhin schon vier Uhr Nachmittags.

Als wir in Taganana ankommen, ist Christoph dann auch wieder versöhnt. Ein super Anblick. Schroffe Felsmassive umgeben den dunklen Sandstrand, der von rauen Wellen umspült wird. Bis vor ein paar Jahren kannten diese versteckte Ecke der Insel neben den Einheimischen (und mir natürlich) nur ein paar Hippies, die hier in selbstgezimmerten Holzbaracken gelebt haben. Strandleben und Wellenreiten, das Leben kann so einfach sein. Heute ist es hier etwas voller – auch in Spanien sind gerade Sommerferien. Trotzdem strahlt die Landschaft eine gewisse Mystik aus – und wie jedes Mal – kann ich mich der Magie dieses Ortes nicht entziehen. Meiner Meinung nach einer der schönsten Plätze der Insel. Ich liege im Sand, schaue auf‘s Meer und denke über den Sinn des Lebens nach. Auch Christophs Blick schweift von seinen Buchseiten immer wieder in die Ferne. Carlos denkt an Abendessen. Im vergangenen Jahr waren wir nach dem Strandbesuch beim Bürgermeister von Taganana – er hat ein kleines Restaurant an der einzigen Straße des Ortes und versteht es, vorzüglich zu grillen.

Es macht Spaß, ihn zu beobachten. Ständig fahren Leute vorbei, hupen, winken ihm zu oder halten kurz an, um etwas mit ihm zu besprechen. Es werden Hände geschüttelt, nebenbei montiert er noch eine neue Satellitenschüssel an seinem Haus. Er genießt es sichtlich, im Zentrum des Geschehens zu stehen. Ich glaube, er ist ein guter Bürgermeister. Das Essen ist auch gut. Heute haben wir leider weniger Glück – als wir bei ihm vorbei fahren, hat er bereits geschlossen. Statt dessen gibt es wenig später für alle Mann fangfrische Dorade in einem Restaurant in Los Abrigos, einem kleinen Fischerei-Hafen.

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