Anmerkung des Autors:
Ich will ehrlich sein: Lange habe ich mich gesträubt, die Ereignisse des fünfzehnten Tages unserer Reise niederzuschreiben. Aber es wird Zeit.
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Die Höllenschlucht
Es brennt. Die Sonne, meine ich. Es brennt die Sonne. Vom Himmel. Wie gut, dass wir durch eine Schlucht laufen, umgeben von Felsmassiven, die der Sonne kaum eine Chance zum penetrierenden Hineinscheinen geben.
Und es ist warm. 75 Grad, oder so. Was hat der Ticket-Verkäufer noch gleich gesagt? Drei Stunden braucht man für die Strecke von Masca bis zum kleinen Strand, an dem man mit dem Boot abgeholt wird. Kein anderer Weg führt rein, kein anderer Weg führt raus aus der Schlucht. Pünktlich um 11.30 Uhr stehen wir also in der schönsten Mittagshitze auf 600 Höhenmetern und blicken in den Abgrund. Zeit bis zum Ablegen des Bootes: 3 Stunden.
Anders, als die nicht zu übersehende Warntafel am Eingang der Schlucht einem entgegenzuschreien scheint, beginnt der Weg eigentlich recht nett: Er schlängelt sich so zwischen Palmen und Kakteen den Berg hinab. Die Kakteen haben zu dieser Zeit leuchtend rote Früchte, welche man angeblich essen kann. Zumindest sitzt am Eingang der Schlucht ein spanischer Signore, der uns eben diese Früchte zu einem sündhaft teuren Preis zum Kauf anbietet.
Ich entgegne: “Nä, pflücken wir selbst, man!” Und ab in die Schlucht und ab zu so ner Kaktee und dann mit den Fingern eine von diesen leuchtend roten Früchten gepflückt. Und dann die nächsten zwei Stunden damit verbracht, die feinen häärchenartigen Nadeln der Kaktee aus den Fingern wieder raus zu pulen. Denn merke (was der geneigte Leser natürlich längst weiß): Etwas, das in der freien Wildbahn leuchtend rot daher kommt, hat immer einen oder – wie in diesem Fall – gleich mehrere (Wider-)haken. Bunte Schlangen, leuchtende Pflanzen, dieser Fisch, mit der Laterne..
Und ich weiß also jetzt, wie sich der horrende Preis für die Früchte berechnet: Ein Fünftel des Geldes für Pflückarbeiten, vier Fünftel für Hausarztkosten. Armer Kerl, beim nächsten Mal kaufe ich Dir ganz bestimmt für ein Monatsgehalt frische Früchte ab.
Die Schlucht ist fast so beeindruckend wie die Tatsache, dass hinter uns zwei russische Mädels in pinkfarbenen Badelatschen den dreistündigen Abstieg wagen. Hat ein bisschen was von einem dieser Softporno-Streifen, in denen leicht bekleidete Mädchen in Stöckelschuhen versuchen, ihren im Schlamm festgefahrenen BMW wieder aus dem Matsch zu schieben..
Da ich aber weder besonders auf Stöckelschuhe, noch auf pinke Badelatschen abfahre, erkläre ich die Mädels für verloren und widme mich wieder dem einzigen, was in dieser Situation wirklich zählt: Dem Überleben!
Vier Jungs, 79 Grad und eine Schlucht, die uns zu jeder Zeit unter Tonnen herabstürzender Gesteinsmassen begraben könnte. Wilde Tiere hat’s natürlich auch. Vielleicht schafft es einer von uns, keinesfalls aber alle vier.
Um diese Erkenntnis reicher, beobachte ich, die Augen zu Schlitzen verengt, argwöhnisch meine drei Begleiter. Wen würde ich im Zweifelsfall zuerst opfern, um meine Haut zu retten?
Scheinbar bin ich bis jetzt der Einzige, dem die ausweglose Ernsthaftigkeit unserer Situation bewußt ist. Ein immenser Vorteil. Thammi macht einen harmlosen Scherz, die anderen Beiden lachen. Und in diesem Moment beschließe ich: Traue niemandem. Vielleicht haben die Drei ja verabredet, mich zu opfern und wollen mich jetzt durch harmlose Späße in Sicherheit wiegen.
85 Grad im Schatten. Wir sind inzwischen mehr als zwei Stunden unterwegs. Ich traue mich nicht mehr, dem Feind den Rücken zu zu drehen – immer wieder liest man ja vom schnellen Tod, der einen Hinterrücks ereilt.
Thammi zückt seine Handykamera und sagt, ich soll mich doch mal etwas näher an den Abgrund stellen. Für das Photo. Was für ein halbherziger Versuch! Offensichtlich rechnet er nicht damit, dass ich diesen Mummenschanz längst durchschaut habe.
88 Grad. Ich höre Stimmen in der Schlucht. Offensichtlich will man mir vorgaukeln, wir wären nicht allein. Eine Analyse muss her. Christoph hat noch ca. 0,4 Liter Wasser in seinem Rucksack, Thammi eine Kopfbedeckung. Carlos eines Brillenglas könnte zum Feuer machen, das andere als einfaches Schneidewerkzeug verwendet werden. Diese Informationen müssen im Falle eines Überraschungsangriffs schnell abrufbar sein. Blitzartiger Zugriff auf die Ressourcen und dann raubkatzenartig in der nächsten Deckung verschwinden.
Meine Nerven sind inzwischen gespannt wie Drahtseile. Jede Bewegung, jedes Lachen der Drei wird wahrgenommen und analysiert. Es ist anstrengend, mit dem Feind in einem Boot zu sitzen. 92 Grad.
Die Luft flimmert, mir tun die Füße weh. Aber Carlos ist umgeknickt und noch schlechter dran, als ich. Das ist gut, man sollte immer ein Mitglied in der Gruppe haben, das schwächer ist, als man selbst. Wegen der Raubtiere.
126,3 Grad. Ich spüre, wie das Blut in meinem Kopf langsam zu kochen beginnt. Das Hirn selbst zerfließt zu einer breiigen Masse. Ich halte den Mund geschlossen – immerhin ist das die am tiefsten gelegene Öffnung in meinem Kopf. Wenn Hirn aus mir rausfließen sollte, dann dort zuerst.
Ich werde irgend etwas gefragt, offensichtlich wieder ein halbherziger Versuch mich zu schwächen. Ich antworte nicht. Auch wegen des ausfließenden Gehirns, die anderen sollen meine Schwäche nicht bemerken.
134 Grad in der Schlucht. Ich beschließe: Ich werde es tun. Ich stürze mich auf Christoph, entreiße ihm die verbliebene Wasserreserve, dann auf Thammi mit dem Kopfschutz und zuletzt auf Carlos. Gleich hinter der nächsten Kurve werde ich es tun – nur für den Fall, dass die Badelatschentanten es bis hier geschafft haben sollten – was allerdings sehr unwahrscheinlich ist.
271 Grad Celsius. Schweißtropfen laufen mir in die Augen, als es um die nächste Biegung geht. Die Sicht verschwimmt. Ich bin mir sicher, ausgetretene Hirnflüssigkeit durchnässt mein T-Shirt. Stimmen wabern an mein Ohr, erreichen mich aber nicht. Ist auch egal.
Vor mir Christoph. Er läuft mit dem Rücken zu mir gewandt, eine klare Nachlässigkeit seinerseits. Solche Fehler sind hier in der Wildnis natürlich schnell tödlich. Ich versuche, für den bevorstehenden Angriff so viel an Konzentration aufzubringen, wie das noch verbliebene Hirn mir erlaubt. Ich denke: ‘Es tut mir leid, Christoph. Ist nichts persönliches’. Dann gehe ich leicht in die Knie und setze zum Sprung an..
..als mir plötzlich jemand kräftig auf die Schulter haut und mich jäh aus der Konzentration reißt.
“Guck mal, Herr Bert. Wir haben’s geschafft.”
Ich gucke. Thammi hat recht: Vor uns öffnet sich die Schlucht zu einem breiten Strand. Sanft schlagen die Wellen auf den Kies, eine leichte Briese umweht meine Nase. Wir sind gerettet.
Als wir wenig später neben den beiden Russinnen auf dem Schiff sitzen, das uns vom Strand zurück in die Zivilisation bringen soll, blicke ich noch einmal zurück. Für einen winzigen Moment glaube ich, eine dunkle Gestalt am Ufer hocken zu sehen. Wie ein Raubtier auf alle Viere gekauert, sitzt sie da und starrt uns nach. Und in der Ferne erscheinen als weiße Punkte die ersten Häuser von Los Gigantes.
Die Höllenschlucht.. Wir waren da. Und stärker!
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Genau so, liebe Leser, hat es sich zugetragen – am fünfzehnten und letzten Tag unserer Reise.
Am nächsten Morgen ging es mit dem Flieger zurück nach Frankfurt, wo Thammi seiner Freundin noch am gleichen Abend einen Heiratsantrag gemacht hat. Christoph hat sich wenig später ebenfalls gebunden, Carlos macht eine Ernährungsumstellung. Und wer die Geschichte aufmerksam gelesen hat, der kennt jetzt vielleicht auch den Grund für diese Veränderungen.
Life is short. But wide!










